Fechten mit dem Langen Schwert
Fechtkunst des Mittelalters - die Deutsche Schule
Bei der "Deutschen Schule" im historischen Fechten handelt es sich um ein System mittelalterlicher Kampfkunst, das vorrangig von deutschen Fechtmeistern entwickelt und überliefert wurde. Es handelt sich um eine in ihren Ursprüngen bürgerliche Kampfkunst, die vom freien Bürgertum der Städte ausgeübt wurde. Handwerker, Gelehrte, Kaufleute und der Leibeigenschaft entflohene Bauern übten sich im Fechten. Zweck war neben Körperertüchtigung und Selbstverteidigungsfähigkeit auch die Vorbereitung für gerichtliche Zweikämpfe, die im Mittelalter ein legitimes Mittel waren um juristische Streitfragen zu entscheiden.
Es bildeten sich Fechtergilden die nach dem Vorbild der Handwerkergilden organisiert waren. Der Beruf des Fechtmeisters entstand in dieser Zeit und ist einer der ältesten staatlich geschützten Berufe die es gibt.
Das historische Fechten der "Deutschen Schule" geht vermutlich auf Johannes Liechtenauer zurück. Er lebte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und er war derjenige, welcher als erster diese Kampfkunst systematisiert hat. Liechtenauer hat seine Lehre in Merkversen formuliert, welche die Schüler auswendig lernen sollten. Ein originales Buch von Liechtenauer wurde bis heute nicht entdeckt, aber nachfolgende Fechtmeister beziehen sich auf ihn und überlieferten und kommentierten seine Verse.
Weitere Fechtmeister der "Deutschen Schule" der Liechtenauer-Tradition sind zum Beispiel Döbringer, Ringeck, Peter von Danzig, Leckküchner, Hans Talhoffer, Jakob Sutor und Joachim Meyer.
Die mittelalterliche Fechtkunst der "Deutschen Schule" war nicht nur im deutschen Sprachraum verbreitet, sondern bestimmte vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert das Fechten in weiten Teilen Europas.
Die geläufigsten Waffen die in der "Deutschen Schule" gelehrt wurden sind neben dem Langen Schwert und dem Langen Messer die Lanze, der Spieß, Dolch und Dussack. Es wird unterschieden in Bloßfechten gegen ungerüstete Gegner, Harnischfechten gegen gerüstete Gegner, Roßfechten als Fechten zu Pferd und Ringen, also Selbstverteidigung mit Körperwaffen.
Ausgefeilte Kampfkunst im Mittelalter
Die Kampfkunst des Fechtens mit dem Langen Schwert beruht auf einem ausgereiften System, das über dreihundert Jahre lang die Fechtweisen Europas geprägt hat.
Hier folgt eine kurze Beschreibung der Grundlagen des Fechtens mit dem Langen Schwert nach Joachim Meyer (1570)
Die Kampfstellungen werden Huten oder Leger genannt.
Meyer unterscheidet vier Hauptleger, nämlich
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Tag bzw. Oberhut
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Ochs
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Olber
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Pflug
Die Beyleger sind
- Zornhut
- Brechfenster
- Langort
- Schrankhut
- Einhorn
- Schlüssel
- Eisenport
- Wechsel
Die Huten oder Leger sind die Stellungen, aus denen sich am sinnvollsten sowohl Angriffe als auch Verteidigung durchführen lassen. Es sind keine statischen Positionen, sondern es sind Durchgangsstationen im Verlauf eines Kampfes. So beginnen und enden manche der Häue in einer bestimmten Hut. Auch bei Eröffnung des Kampfes wird empfohlen, nicht statisch in einer Hut zu verweilen sondern verschiedene Huten abzuwechseln.
Die Angriffsaktionen sind die Häue. Meyer unterscheidet Haupt- oder Principal-Häue, Verkehrte Häue und Meisterhäue. Die Merkmale der Haupthäue sind, daß sie mit der langen Schneide des Schwertes und mit ausgestreckten Armen ausgeführt werden. Meisterhäue sind weitere grundlegende Angriffsaktionen. Verkehrte Häue sind Angriffe, die mit der verkehrten Schneide des Schwertes ausgeführt werden.
Haupthäue sind:
Ober-, Unter-, Mittel- und Zornhau.
Meisterhäue sind Zorn, Krum, Zwerch, Schieler und Scheitelhau.
Phasen des Gefechts
Ein Gefecht setzt sich aus verschiedenen Phasen zusammen. Eingeleitet wird es durch das Einnehmen der Hauptleger. Daraus entwickelt sich das Zufechten, das heißt ein Angriff mit den Häuen.
Als Abwehr der Angriffe beschreibt Meyer die Technik des Versetzens. Man kann es am ehesten als ein Ableiten und Ablenken der gegnerischen Häue beschreiben. Beim Versetzen gibt es zwei Möglichkeiten, entweder man wehrt nur die gegnerischen Angriffe ab und macht sie damit unwirksam, oder man verbindet mit dem Versetzen einen eigenen Angriff.
Aus diesen Aktionen ergibt sich laut Meyer der entscheidende Teil des Gefechts, die Bey- oder Handarbeit im Mittel. Dafür nennt und beschreibt er verschiedene Aktionen, zum Beispiel Schwert anbinden, Winden, Wechseln, Verfüren, Nachreisen, Schneiden, Doplieren, Ablaufen lassen, umbschlagen, Schlaudern, Vorschieben, Absetzen, Zucken und Rucken, Verstellen, Ringen, Einlaufen, und Werfen.
Nach dem Anbringen einer Technik erfolgt das Abziehen, also der gesicherte Rückzug.
So weit eine kurze Beschreibung der Grundlagen dieser mittelalterlichen Kampfkunst mit dem langen, mit zwei Händen zu führenden Schwert, die eine lange Zeit in ganz Europa bedeutend war.
Erst das Auftreten des Rapiers oder Stoßdegens bedingte die Entwicklung eines mehr an diese neuartige Waffe angepaßten Systems, das allmählich das Fechten mit dem Langen Schwert bedeutungsloser werden ließ. Trotzdem wurde noch in den Fechtschulen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich schon lange auf Florett, Degen und Säbel umgestellt hatten, das Fechten mit dem Schwert zu eineinhalb Händen als Übung unterrichtet.