Florett oder Degen?

Eine Kontroverse im 19. Jahrhundert

 

Luigi Barbasetti war ein italienischer Fechtmeister, der maßgeblich dazu beitrug das Fechten nach italienischer Schule in Europa zu verbreiten. Er sah es als Vorzug der italienischen Schule an, daß der Unterschied zwischen Übungsgerät und der Waffe für den Ernstfall sehr gering ist. Die italienische Duellwaffe ist die "Spada da Terreno" und die entsprechende Übungswaffe, die ebenfalls "Spada" (= italienisches Florett) genannt wird, unterscheidet sich sowohl vom Aufbau als auch von der Fechtweise her nur wenig von der scharfen Waffe. 

 Anders ist es bei der französischen Schule, wo das "Fleuret" (=französisches Florett) sich stark von der im Ernstfall verwendeten "epée" unterscheidet. Das Florettfechten nach französischer Schule hatte einen Sonderweg eingeschlagen. Konventionen aus einer längst vergangenen Zeit hatten dazu geführt, daß eine sehr gekünstelte Fechtweise entstanden war. Barbasetti meinte dazu:

"... Daraus resultiert aber nothwendigerweise, dass das Stossen mit dem "Fleuret" zuviel Conventionelles an sich hat, um als eigentliches Fechten in ernstem Sinne betrachtet werden zukönnen. Es ist vielmehr ein schöner Sport, eine gesunde Körperbewegung und eine gute Vorschule für das eigentliche Degenfechten, welch letzteres auch ganz für sich betrieben und von eigenen Meistern, deren Specialität es bildet, mit besonderer Berücksichtigung des Ernstfalles gelehrt wird."  

Barbasetti schreibt weiter, daß derjenige, welcher

" ...  nach langer Gewöhnung an das "Fleuret" plötzlich einen Degen zur Hand nimmt ... sich total veränderten Verhältnissen gegenübersieht."  

Damit weist Barbasetti auf ein wesentliches Problem der Fechtkunst der französischen Schule hin, nämlich daß das "schulmäßige" oder "kunstmäßige" Fechten mit dem Florett nicht ausreichend auf das duellmäßige Fechten mit dem Degen vorbereitete und sogar Techniken lehrte, die auf dem Kampfplatz angewendet, völlig kontraproduktiv waren. 

Florett französisch

Floretts mit französischem Griff

 

Welchen Sinn macht konventionelles Florettfechten?

Diese Frage war Gegenstand einer Kontroverse, welche um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann.

Nach der französischen Revolution kam das Stoßfechten vorübergehend aus der Mode. Das Schwert wurde nicht mehr in der Öffentlichkeit getragen und die gesellschaftliche Neuorientierung wirkte sich auch auf die Fechtkunst aus. Um 1830 gab es nur noch ganze zehn Fechtschulen in Frankreich, und als "Fechtlehrer" wirkten oft ausgediente Militärs, die sich eine zivile Existenz aufbauen wollten.

 Die gesellschaftliche Entwicklung, vor allem die Vorstellungen von Ehre und die Sensibilität in Ehrenfragen als Zeichen der Standeszugehörigkeit bewirkten aber einen neuen Aufschwung des Fechtens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch das Duell in seiner modernen Ausprägung erlebte einen neuen Aufschwung in den europäischen Ländern, mit Ausnahme Englands.

In den Fechtschulen wurde um diese Zeit hauptsächlich das konventionelle Florettfechten gelehrt. Das heißt eine sehr geregelte und kunstmäßige Form des Fechtens,  die noch aus dem 18. Jahrhundert stammte. Stöße durften nur erwidert werden, wenn man nach Übereinkunft das Recht dazu hatte, das heißt nachdem man den Angriff des Gegners erfolgreich und formgerecht abgewehrt hatte. Fechten ähnelte eher einem "höflichen Schlagabtausch" oder einer "Konversation mit Stahl", als einem ernsten Kampf. Komplizierte Fintangriffe wurden geübt, die nur funktionieren, wenn der Gegner "mitspielt", also wenn beide dieselben  Fechtregeln kennen und sich auch daran halten. Diese sehr kunstvolle Art des Fechtens hatte ihren Ursprung in der Zeit, als man noch ohne Schutzkleidung und Maske trainierte. Die Fechtmaske wurde erst um 1750 erfunden und konnte sich lange Zeit nicht allgemein durchsetzen.

In der damaligen Auffassung bedeutete es schon fast eine Beleidigung für den Trainingspartner, wenn jemand mit Maske fechten wollte. Die Aussage davon war in etwa: "Sie fechten ja so schlecht, daß ich mich mit einer Maske schützen muß"  oder "Ich kann Ihnen nicht trauen, daß Sie sich an die Regeln halten!" Es war damals üblich, nur zum Rumpf zu stoßen und niemals nach dem Kopf.  Außerdem sah man es als unmännlich an, wenn jemand irgendwelche Körperpartien ängstlich zu schützen bedacht war.

Erst um 1850 hatten Fechtmaske und Schutzkleidung allgemein in den Fechtschulen Einzug gehalten. Der Brauch sich wieder verstärkt mit Klingenwaffen zu duellieren führte zu der Forderung, daß die Fechtschulen wieder mehr kampftauglich unterrichten sollten. Offenbar kam es häufiger vor, daß  Fechter auf dem Duellplatz so kämpfen wollten oder es gewohnheitsmäßig taten, wie sie es im Fechtsaal gelernt hatten -  mit sehr traurigen Ergebnissen.  So wurden Stimmen laut, die eine bessere Vorbereitung für den Ernstfall forderten, was dazu führte, daß man neben dem Florett nun auch den Degen als Waffe im Fechtsaal sah.

Diese Entwicklung hatte viele Gegner, welche darin einen "Niedergang der Fechtkunst" und deren Verrohung sehen wollten. Degenfechten galt als unfein und ungeregelt, was es im Gegensatz zum konventionellen Florett ja auch war. Noch Aldo Nadi mußte Anfang des 20. Jahrhunderts heimlich mit dem Degen üben, weil ihm sein Vater diese Waffe verboten hatte. Aber die Befürworter des Degens als einer mehr praxisorientierten Waffe setzten sich durch. In der Zeit zwischen 1884 und 1896 beschäftigten sich verschiedene französische Fechtmeister mit der neuen Waffe und lehrten die dafür spezifischen Techniken: Den Gebrauch der Glocke, das Parieren und Ripostieren in einem Zug, die veränderte Auslage, die durch die häufigen Stöße zum Arm und zur Hand notwendig wurde. Mancher Fechtmeister bezog seine Klientel hauptsächlich aufgrund seines Rufes, daß er seine Schüler mit Erfolg auf bevorstehende Duelle vorbereiten konnte. Es gründeten sich sogar spezielle Clubs, die sich ausschließlich dem Degenfechten widmen wollten. Jean Joseph-Renard, ein damaliger Degen-Enthusiast, meinte: "Foil play is dead" und "Fencing is the art of fighting a duel, and it is nothing else." 

Nun, wie wir wissen, Florettfechten ist auch über Hundert Jahre nach diesen denkwürdigen Aussprüchen nicht tot, sondern es wird nach wie vor mit den althergebrachten Konventionen ausgeübt. Bemerkenswerterweise ist auch das moderne Degenfechten, das eigentlich als mehr praxisorientierte Alternative zum Florettfechten entwickelt wurde, den Weg in die Versportlichung gegangen.

Ich möchte mit diesem Artikel über die Florett-Degen-Kontroverse im 19. Jahrhundert zeigen, daß die Frage nach einer praxistauglichen Fechtkunst und die Gefahr einer zu einseitigen Entwicklung bei Kampfkunstarten, die nach einem sportlichen Reglement betrieben werden, durchaus keine Erscheinung der Gegenwart ist.

Literatur:

Luigi Barbasetti: Das Stossfechten

Richard Cohen: By the Sword

Robert A.Nye: Masculinity and male Codes of Honor in modern France

Aldo Nadi: On Fencing

Weitere interessante Artikel:

Historische Duellwaffen

Historische Übungswaffen

Freikampf beim Fechten