Der Hofdegen der Barock- und Rokokozeit
Das Smallsword
Während der Zeit des Barock entwickelte sich diese zivile Waffe, die unter dem Namen Hofdegen oder Galanteriedegen bekannt werden sollte. Sie entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich und England und löste allmählich das Rapier ab. Sie fand während der Barock- und Rokokozeit Verbreitung in ganz Europa. In den romanischen Ländern wurde noch lange an mehr rapierähnlichen Fechtwaffen festgehalten, wahrscheinlich aus Traditionsgründen, und das Smallsword konnte sich hier nicht völlig gegen den mehr rapierähnlichen Glockendegen durchsetzen.
Das Smallsword (= dt: "kleines Schwert") wurde im deutschen Sprachraum "Galanteriedegen", weil der zur obligatorischen Garderobe gehörte, und später "Hofdegen" genannt, als diese Waffe nur noch bei festlichen Anlässen und hauptsächlich von Vertretern des Adels bei Hofe getragen wurde. Franzosen nannten das Smallsword einfach "Epée" (="Schwert") oder "Epée du Court".
Als Gründe für die Entwicklung des Smallsword kann man annehmen, daß Bedarf nach einer leichteren und nicht ganz so sperrigen Waffe wie dem Rapier bestand. Dieser Bedarf läßt sich aus den starken gesellschaftlichen Veränderungen der damaligen Zeit ableiten. Es gab ein starkes Bevölkerungswachstum vor allem bei den unteren Gesellschaftsschichten, eine Verstädterung, und damit einhergehend wachsende Raumnot. Das Leben spielte sich in begrenzteren Räumen ab. Die Adelsschicht traf nicht mehr so oft auf ihresgleichen, sondern war auf der Straße mehr mit Angehörigen der unteren Klassen konfrontiert, was zu verstärkten Abgrenzungsbemühungen führte. Das adlige Leben zog sich auf die Schlösser, Gutshöfe, Ballsäle und Salons zurück. Das und die städtische Enge ließen so eine sperrige Seitenwaffe wie das Rapier unpraktisch werden und es wurde durch den eher zierlichen Degen ersetzt. Diese Waffe war für das Schlachtfeld ebenso ungeeignet wie das Rapier. Sie erfüllte ihren Zweck jedoch als Statussymbol und als Duellwaffe bis weit in das 19. Jahrhundert hinein.
Smallsword mit Colichemarde-Klinge

Auf der Abbildung ist ein frühes Smallsword mit Colichemarde-Klinge zu sehen. Es stammt aus der Anfangszeit des 17. Jahrhunderts. Bei der Klinge handelt es sich um ein echtes Meisterwerk der Schmiedekunst. Im Bereich der Stärke ist sie verbreitert, so daß mit dem Schwert auch kräftige Hiebe wirkungsvoll abgefangen werden konnten. Das war in einer Zeit, in der diese Schwertform auch manchmal gegen Hiebwaffen eingesetzt werden mußte, durchaus sinnvoll. Die Klinge läuft in eine sehr schmale Spitze aus. Die ganze Waffe besticht durch ihre überraschende Leichtigkeit.
Das Smallsword hat üblicherweise eine Länge von 85 - 95 cm, seine Klinge hat einen sechseckigen, diamantförmigen oder dreieckigen Querschnitt. Der dreieckige Querschnitt kommt gut der Anforderung an die Bruchfestigkeit der Klinge entgegen. Das Gewicht eines typischen Smallsword lag zwischen 500 und 900 g. Diese leichte Waffe ermöglichte eine sehr schnelle Handhabung, bei der direkte Stoßbewegungen viel effektiver sind als Hiebe. Die Bewegungsrichtung während des Kampfes beschränkte sich auf vorwärts-rückwärts, denn große seitliche Ausweichbewegungen sind nicht schnell genug auszuführen. Die Kampfweise diente nicht mehr in erster Linie der Selbstverteidigung sondern unterlag den strengen Kampfregeln des Duells. Im 18. Jahrhundert war es dabei noch üblich, zu manchen Paraden oder Entwaffnungen die linke Hand einzusetzen. Das Trainingsgerät für das Fechten mit dem Smallsword ist seit über 300 Jahren das Florett, eine stumpfe, leichte Übungswaffe mit extrem biegsamer Klinge.
Das Smallsword existiert in mannifgaltigen Formen und Griffmaterialien. Dabei war das Smallsword immer auch ein Schmuckstück, das deutlich sichtbar zur Ausgeh-Garderobe getragen wurde. Der Griff war oftmals reich und wertvoll verziert. In der damaligen Zeit konnte man sich Klinge und Griff nach eigenen Wünschen zusammenstellen lassen. Smallswords wurden überall hin mitgenommen und ständig getragen, so wie man heute eine wertvolle Uhr am Handgelenk trägt. Sie erfüllten auch den Zweck auf den Status und Stil des Trägers hinzuweisen.

Auf der Abbildung ein sehr zierliches Smallsword aus dem 18. Jahrhundert
Übliche Griffmaterialien waren Messing, Silber, Eisen, aber auch kombinierte Materialien mit Holz, Perlmutt, Emaille usw. Trotz seiner Zierlichkeit und Leichtigkeit blieb das Smallsword immer eine gefährliche Waffe. Wenn man heute ein historisches Smallsword in die Hand nimmt ist man meistens überrascht von dem geringen Gewicht der Waffe. Tatsächlich wiegen viele von ihnen nur um die 500 g und sind dabei perfekt ausbalanciert. Sie sind sehr führig und vermitteln den Eindruck äußerster Schnelligkeit und Präzision der Spitze. Das wird durch die Steifheit der Klinge verursacht, die im Gegensatz zu heutigen Sportfechtwaffen nicht schwingt, da sie am Ende sehr spitz zuläuft. Im Gegensatz zu modernen Sportdegen sind die Dreikantklingen der Smallswords etwas anders geschliffen. Die mittlere Hohlkehle ist flacher, die seitlichen sind tiefer, so daß ein regelrechter Grat entsteht, die Waffe dabei aber nicht so flexibel ist wie die Sportdegen. Auch sind die Klingen der Smallswords ca. 10 cm kürzer als Sportklingen. Alles das zusammen bewirkt dieses einzigartige Gefühl von Präzision und Schnelligkeit, was in einem unverwandt den Wunsch zu fechten aufkommen läßt, sobald man ein Smallsword zur Hand nimmt.
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